Arbeitsgruppe "Physiologie neuronaler Netzwerke"

 

Grundlagenforschung Ersatz zu Tierversuchen...

Funktionelles Screening von Neuropharmaka mit neuronalen Zellkulturen

"Das Gehirn ist dynamisch in zelluläre Grundgesamtheiten organisiert, ... die die funktionellen Einheiten darstellen."
(GM Edelmann, 1987)

Methoden

 

Methoden

Mikroelektroden-Array-Neurochip

Aufzeichnungen von zellulärer elektrischer Aktivität werden meistens in Kultur mit Glasmikroelektroden einschließlich Salzlösung durchgeführt. Diese Elektroden werden mit einem Mikromanipulator intra- bzw. extrazellulär an der Zellmembran positioniert und können dann die Aktionspotenziale einer aktiven Zelle aufzeichnen.


Bei dieser Methode besteht die Gefahr, dass die Zellmembran beschädigt und die ganze Zelle bzw. das ganze Netzwerk zerstört wird. Darüber hinaus ist es schwierig und sehr zeitaufwendig, mit mehreren Glaselektroden gleichzeitig in vivo oder in vitro zu arbeiten; dadurch ist die Anzahl möglicher Messorte für simultane und langzeitige intrazelluläre Ableitungen beschränkt.
Um diese Probleme zu vermeiden, werden ebenfalls spannungssensitive Farbstoffe für die Messung der elektrischen Aktivität von Zellen verwendet; dabei können andere Probleme wie Toxizität entstehen, die die Messdauer einer Kultur üblicherweise auf 30-60 Minuten begrenzen.
Eine Alternative zu diesen Methoden ist die Verwendung von extrazellulären Ableitelektroden, die sich außerhalb der Zelle befinden und das extrazelluläre Spannungssignal aufnehmen. Seit den ersten Arbeiten von Thomas et al. (1972) und den ersten erfolgreichen Aufzeichnungen von neuronalen Aktionspotenzialen mit Mikroelektroden-Chips (Gross et al., 1977) hat die stetige Entwicklung nun einen Punkt erreicht, an dem die routinemäßige Beobachtung der internen Vorgänge von Netzwerken bei Säugernervenzellen möglich ist.
Das Wachstum von Netzwerken auf Trägern mit dicht gepackten Mikroelektroden-Arrays (MEA-Neurochips) liefert Zellkulturen, die langzeitige und kontinuierliche Aufzeichnungen von einer Vielzahl von Messstellen in vitro und die Beobachtung der Signalübertragung zwischen vielen Zellen ermöglichen. MEA-Neurochips ermöglichen darüber hinaus nicht-invasive, langzeitige Aufzeichnungen und Echtzeitanalysen von Aktionspotenzialmustern von bis zu 256 verschiedenen Neuronen in Kurz- und Langzeituntersuchungen und sind gleichzeitig optisch zugänglich für die Beobachtung der Netzwerkentwicklung.
Die MEA-Neurochips werden mit standardisierter, photolithographischer Technik hergestellt. Kommerziell erhältliche Indium-Zinnoxid- (ITO) oder goldbeschichtete Glasträger werden photolithographisch strukturiert, mit Polysiloxan isoliert, und die Isolation wird über den Elektroden wieder geöffnet. Die Elektroden werden galvanisch mit einer dünnen Goldschicht belegt, um die Impedanz auf ca. 2-4 MOhm zu vermindern.


Die MEA-Neurochips werden für die Messungen in einer sterilen Dauerüberstand-Messkammer eingebracht und bei 37°C, pH 7.4 und einem befeuchteten Luftstrom mit 10% CO2 gehalten. Aufzeichnungen erfolgen mit dem Vielkanal-Aufzeichnungssystem der Fa. Plexon Inc. (Dallas, USA), und einem PC-gesteuerten, 64-kanaligem Verstärkersystem, welches Daten von Einzelneuronen liefert.
Spikeerkennung und -separation basieren auf einem Template-Matching-Algorithmus. Die Amplitude der routinemäßig aufgezeichneten Signale liegt üblicherweise zwischen 100-500µM, mit einem hohen Signal-Rausch-Verhältnis.


Gehirnregion-spezifische neuronale Netzwerke in vitro

In den letzten drei Jahrzehnten stieg die Zahl der Studien mit neuronalen Zellen, die erfolgreich in vitro als Monolayer-Kulturen wachsen, stetig. In solchen Kulturen reifen die dissoziierten Zellen in einer Kulturschale heran, bilden Ausläufer sowie Synapsen und erzeugen auf diese Weise neuronale Netzwerke.
Neuronale Monolayer-Kulturen in vitro werden zunehmend als Werkzeuge anerkannt, um die funktionellen Antworten von neuronalen Netzwerken auf Substanzen zu untersuchen; sie füllen so die Lücke zwischen High-Throughput-Ansätzen, Genomik und Proteomik auf der einen Seite und Tiermodellen auf der anderen. Neuronale Netzwerke in vitro sind klein genug, um für genaue Untersuchungen vollständig zugänglich zu sein. Sie sind aber auch gleichzeitig Systeme, die komplex genug sind, um eine Vorhersagekraft für Wirkung von Medikamenten auf das Herkunftsgewebe zu haben.
Neuronale Netzwerke, die mit unseren Bedingungen kultiviert werden, bleiben gewebespezifisch und behalten die pharmakologische, gewebespezifische Rezeptorausstattung des Herkunftsgewebes. Wir haben Substanzen untersucht, die an exzitatorischen, inhibitorischen und modulierenden Rezeptorsystemen angreifen. Des weiteren sind wir in der Lage, Daten über den physiologischen Wirkmechanismus der Substanz zu liefern, die am Rezeptorsystem für Glutamat (NMDA, AMPA, Kainate), Acetylcholin (nikotinisch und muskarinisch), Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, GABA-A, GABA-B, Glycin und verschiedenen anderen wirkt.

Anders als Systeme mit neuronalen Stammzellen oder Vorläuferzellen entwickeln sich Primärkulturen aus einem Gemisch von verschiedenen Neuronentypen und Gliazellen. Gliazellen haben wichtige unterstützende Funktionen für den Metabolismus und für die Versorgung der Nervenzellen mit Ionen und Nährstoffen. Lange Zeit wurde den Gliazellen nur eine passive Rolle zur Unterstützung der Neuronen zugeschrieben. Im letzten Jahrzehnt konnte eine Vielzahl von Studien allerdings nachweisen, dass die Glia ein notwendiger mitwirkender Faktor beim Dialog von Neuronen an der Synapse ist. Gliazellen stellen zusätzliche Ziele für neuronale Signale dar und reagieren auf die synaptische Freisetzung von Neurotransmittern und Neuromodulatoren. Das Konzept einer "Drei-Parteien-Synapse" (prä-, postsynaptisch und Glia) ist mittlerweile akzeptiert, um den Beitrag der Glia zur synaptischen Transmission und zur Informationsverarbeitung im ZNS zu erklären.

Nervenzellen und Gliazellen teilen sich Elemente der extrazellulären Matrix, die sowohl von Nervenzellen als auch Astrocyten erzeugt wird. Gliazellen spielen eine wichtige Rolle bei den Interaktionen, bei neuronaler Aktivität, Wachstum und axonalem Wachstum. Zellkultursysteme, die spezifisch für Gehirnregionen sind, sind bei uns für Rückenmark und frontalen Cortex etabliert. Die Gewebe werden, je nach Hirnregion, von embryonalen NMRI-Mäuse zwischen Tag 14 und 17.5 entnommen. Nach Ethylesterbetäubung werden die Mäuse, gemäß Deutschem Tierschutzgesetz, durch zervikale Dislokation getötet. Die verschiedenen Zellkulturen für die speziellen Hirnregionen werden dann entsprechend unseren etablierten Zellkulturverfahren dissoziiert, ausgesät und kultiviert. Nachdem sich die für die Gehirnregion spezifischen und stabilen Signalmuster der elektrischen Aktivität entwickelt haben, gewährleistet die Co-Kultur mit Gliazellen die Langzeitstabilität.
In vitro beginnt die Aktivität etwa 3-4 Tage in Form von zufälligen Salven von Aktionspotenzialen, die sich nach 4 Wochen in Kultur zu einem synchronisierten Aktivitätsmuster stabilisieren, das ein koordiniertes Hauptmuster (frontaler Cortex) bzw. ein koordiniertes Hauptmuster mit mehreren koordinierten Untermustern (in Abhängigkeit von der Burststärke) mit Interburstspiken aufzeigt (Rückenmark). Solche Netzwerke bleiben für mehr als sechs Monate spontan aktiv und pharmakologisch beeinflussbar und zeigen eine hohe Reproduzierbarkeit über die Kulturen. Das ermöglicht sowohl akute als auch langzeitige Behandlungen. Das Fehlen einer Blut-Hirn-Schranke in diesem experimentellen System spiegelt die Situation einer Entzündung mit einer durchlässigen Blut-Hirn-Schranke - "leaky barriers" - wieder.


Spike Train Analyse

Neuronale Netzwerkkulturen auf Mikroelektroden-Arrays sind ein hervorragendes Werkzeug zum Studium der Funktionsweise von neuronalen Netzwerken, wie sie im zentralen Nervensystem (ZNS) beim Menschen oder Tieren auftreten. Da mit dieser Technik gleichzeitig die Aktionspotenziale mehrerer Nervenzellen jeweils einzeln über einen längeren Zeitraum beobachtet werden können, sind auf diese Weise neue Einblicke in die Funktionalität eines solchen Netzwerkes möglich. Es werden während eines Experimentes also die Zeitpunkte der Aktionspotenziale ("Spikes") für jeweils eine Nervenzelle in der Zeit aufgezeichnet (der so genannte "Spike Train"). Paralle können maximal bis zu 256 Nervenzellen eines neuronalen Netzwerkes aufgenommen werden.

Substanz-spezifische Aktivitätsmuster
Charakteristische Substanz-spezifische Aktivitätsmuster von 15 parallel aufgezeichneten Neuronen des Rückenmarks für eine Zeitdauer von 30s.


Zur Auswertung der Aktivitätsmuster von neuronalen Netzwerken werden Verfahren der Spike Train Analyse angewendet. Mithilfe des Programme NEX (Plexon, Inc., Dallas,. TX) und PATTERN EXPERT squid (NeuroProof GmbH) können wir mehr als 200 verschiedene Spike Train Parameter berechnen.
Für eine Episode können auf der Basis dieser 200 Spike Train Merkmale die durch Substanzen hervorgerufenen Änderungen der Aktivitätsmuster für jede Substanz eindeutig wieder erkannt, sprich klassifiziert, werden. Damit wird die Reproduzierbarkeit der beobachteten Aktivitätsmuster nachgewiesen.


Merkmalskategorien

Wir beschreiben mit der Spike Train Analyse fünf grundsätzliche Kategorien: die allgemeine Aktivität, die allgemeine Aktivität in den Bursts, die Synchronität, die Oszillationen sowie die innere Struktur der Bursts, die Burst-Form.


Allgemeine Aktivität
Die Spikerate, also die Anzahl der Spikes pro Zeiteinheit, für eine Nervenzelle oder die mittlere Spikerate für mehrere Nervenzellen, ist eines der wichtigsten Merkmale überhaupt. Die mittlere Spikerate korreliert zumeist sehr gut mit der zugegebenen Konzentration einer Substanz. Mit einem Kurven Fitting kann man die EC10, (Effektive Konzentration 10%), EC50 den EC90 und den Hill Koeffizienten nH berechnen.
Die Dosis Wirkungs Kurve für die mittlere Spikerate kann einen biphasischen Verlauf zeigen, der ein deutlicher Hinweis auf den Effekt mehrerer Wirkungsmechanismen der zugegebenen Substanz ist.


Allgemeine Aktivität in den Bursts
Spike Trains von Aktionspotenzialen sind zeitlich deutlich in Ruhe- und Aktivitätsphasen, sog. Bursts, strukturiert. Die mittlere Anzahl der Spikes pro Zeiteinheit im Burst beschreibt die Stärke der Bursts, ein weiterer Parameter in dieser Kategorie ist der Anteil der Spikes die in Bursts enthalten sind. Letzterer Parameter beschreibt die Möglichkeit, wie deutlich die Bursts abgegrenzt werden können. In diesem Parameter unterscheiden sich zum Beispiel sehr schön vom frontalen Kortex stammende Kulturen, (im Gegensatz) zu Kulturen aus dem Rückenmark.

Gewebespezifische Aktivitätsmuster
Aufzeichnung der Aktivität von 20 Einzelneuronen über 30 sec.; links: frontaler Kortex, rechts: Nervenzellen aus dem Rückenmark


Synchronität
Die Synchronität der Aktivitätsmuster in neuronalen Netzwerken ist Gegenstand intensiver Untersuchungen. Der Einfluss von Substanzen auf die Synchronität ist ein sehr wichtiges charakteristisches Phänomen. Mit neuronalen Netzwerken auf Mikroelektroden Arrays können diese Effekte in idealer Weise studiert werden. Da die Aktionspotenziale über mehrere Nervenzellen jeweils einzeln über eine längere Zeit mit hoher Präzision, im Mikrosekundenbereich, aufgezeichnet werden können, ist somit die Analyse der Synchronität in höchster Auflösung in Zeit und pro Nervenzelle möglich. Wir können damit, wie es bisher nicht möglich war, die Synchronität in unterschiedlichen Auflösungsskalen analysieren und beschreiben.


Oszillationen
Aktionspotenziale treten in deutlich periodischen Mustern auf. Die Regelmäßigkeit dieser periodischen Muster ist ein weiteres Charakteristikum für die Wirkung neuroaktiver Substanzen.


Burst-Struktur
In unseren Untersuchungen ist die Burststruktur, das heißt die Anzahl und zeitliche Verteilung der Spikes in einem Burst, ein ganz wesentliches Merkmal für die Beschreibung der von Substanzen herbeigeführten Änderungen der Aktivitätsmuster.


Profiling
Mit Mustererkennungsmethoden suchen wir die für einzelne Substanzen oder Gruppen von Substanzen charakteristischen Spike Train Merkmale heraus, mit denen man Dosis-Wirkungs-Kurven mit einer hohen Signifikanz und Aussagekraft erhält.

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